heute läuft er die härtesten Bergrennen

 

 

VON MIKE KLEIß ©2019

Michi Kurz war querschnittsgelähmt – heute läuft er die härtesten Bergrennen 

 

Nach seinem Sturz im Jahr 1999 diagnostizieren Ärzte Michi Kurz eine inkomplette Querschnittslähmung. Mit viel Willenskraft schaffte er es, seinen Körper wieder zu bewegen. Kürzlich hat er den Karnischen Höhenweg in zehn Stunden und 40 Minuten absolviert - auf beiden Beinen. 

FOCUS-Online-Autor Mike Kleiß

 

Michi Kurz ©focus.de
Michi Kurz ©focus.de

 

von Mike Kleiß

Vor vier Jahren traf ich das erste Mal auf den Österreicher Michi Kurz. In einem TV Studio, beim Wings For Life World Run. Mir saß damals ein sehr besonnener Mann gegenüber. Die Figur eines Buben, in den Augen das Feuer eines Vulkans. Michi war damals Anfang 40. Seither ist es so: Immer wenn es mir beim Laufen nicht gut geht, wenn ich eine Verletzung habe, wenn mir die Motivation fehlt, denke ich an Michi. An seine Geschichte. Die Story eines Vorbilds, die selten in der Öffentlichkeit stattfindet. Michi Kurz ist einer dieser stillen Helden.

 

Einer, der nie eine große Sache aus seinem Schicksal gemacht hat.

Einer, der sie nicht bei Instagram oder Facebook verteilt hat.

Einer, der nicht mehr laufen konnte. Und es doch wieder kann.

Einer, der Hoffnung macht.

 

Michi muss regelmäßig laufen - gegen seine Lähmung

1999 fuhr Michi Kurz bei einem Skitourenrennen in Albertville in eine Schnee-Wechte, eine stark verdichtete Schneeablagerung. So wurde er komplett ausgebremst und stürzte. Eigentlich ein harmloser Unfall. In seinem Fall war das anders.

 

Die Diagnose der Ärzte: Inkomplette Querschnittslähmung. Michi konnte sich zunächst gar nicht mehr bewegen.

 

„Ich lag im Krankenbett und schaute an meinem Körper hinunter. Ständig hatte ich im Kopf: Du willst nicht, dass deine Kinder und deine Frau dich so dauerhaft sehen. Du willst kein querschnittsgelähmter Papa und Ehemann sein“, erzählt er mir.

 

Jeden Tag im Krankenhaus konzentrierte er sich mit reiner Willenskraft auf die Bewegungen seines Körpers. Die zunächst einfach nicht passieren wollten. Bis zu dem Tag, an dem das Grundgelenk des linken Mittelfingers ein Signal bekam. Sich bewegte. Dann eine Zehe. „Als das ging, hatte ich plötzlich wieder ein Ziel. Ich wollte eines Tages die Abfahrt, auf der ich stürzte, zu Ende fahren. Und zwar nicht im Rollstuhl, sondern auf dem Ski.“

 

Ich weiß, dass Michi den Karnischen Höhenweg in zehn Stunden und  40 Minuten absolviert hat. Auf beiden Beinen. Er kann ohne Probleme einen Halbmarathon laufen, er muss sogar regelmäßig laufen . Tut er es längere Zeit nicht, wird die Lähmung wieder aktiver.

 

Michi Kurz läuft gegen das nicht laufen können. Das Laufen ist quasi der Stoff, der ihm Freiheit vor der Lähmung verschafft. Regelmäßig denke ich an Michi Kurz, gerade dann wenn es mal nicht so läuft. Oder wenn ich Erdung brauche. Ich muss nur mit Michi schreiben, um zu erkennen: Eigentlich haben wir alle nicht wirklich Probleme, so lange wir gesund sind.

 

"Das Gefühl ist unbeschreiblich und ich bin süchtig danach"

Michi schrieb mir einmal einen Satz, der mich noch heute ein wenig traurig werden lässt: „Laufen ist die natürlichste Form von Sport, verletzungsbedingt aber wohl nicht für mich. Durch die einseitige Über- und Falschbelastung meiner rechten Körperhälfte, habe ich vermehrt mit Abnutzungserscheinungen zu tun. Also mit Schmerzen. Dennoch: Ich liebe den Laufsport, insbesondere Trailrunning und Bergläufe. Ich wohne ja in den Bergen“.

 

Für den einstigen Extremsportler hat das Laufen nicht nur eine körperlich-therapeutische Wirkung. Für Michi ist dieser Sport weit mehr: „Bei keiner anderen Sportart kann ich so abschalten und ich sein. Das Gefühl ist unbeschreiblich und ich bin süchtig danach. So wie die Welt an dir vorbei zieht, so kommen dir die unmöglichsten Gedanken. Im Idealfall läufst du dich in deinen eigenen Flow, und wirst eins mit der Natur“, schreibt er in seiner Mail. Und ich kann jedes Wort nachvollziehen. Jedes Bild, das er mit Worten malt, habe ich vor Augen.

 

Dem Körper Zeit geben

Michi Kurz steht nicht still. Würde er es tun, käme mehr und mehr der immer drohende Stillstand. Letztes Jahr hat er einen Freund - wie Michi ein Behindertensportler - begleitet, der sich zum 60. Geburtstag eine Alpenüberquerung mit dem Rad gewünscht hat. Der Weg führte die beiden Freunde von Salzburg an die Adria. Sie schafften es. Und feierten unterwegs den runden Geburtstag.

 

Michi Kurz war gelähmt - heute läuft er die härtesten Bergrennen

In 2018 hat Michi die härtesten Bergrennen bestritten. Nicht mit dem Rad. Sondern natürlich laufend. Unter anderem das „Rise and Fall Rennen“ im Zillertal, oder den „Dolomitenmann“. Wettbewerbe, die selbst gesunde und fitte Läufer nicht einfach mal eben so bestehen können. Was so hart wirkt, ist schlicht seine Art, beweglich zu bleiben. Michi hat sich seine Emotionalität, seine zarte Nachdenklichkeit, seine Bodenständigkeit gut aufgehoben.

 

Auf meine Frage vor ein paar Tagen, was man denn all denen raten könne, die noch nicht laufen, oder die (gerade) nicht laufen können, schreibt er: „Mit Freude - und nur mit Freude - Laufen oder sonst eine Sportart machen. Falls der Körper vorerst oder auch später dann nicht will, ihm Zeit geben und nicht gleich aufgeben. Die Belohnung, die Befriedigung dafür erhältst du unter Garantie“.

 

Dieser Tage hat Michi 100 Kilometer am Stück auf Langlaufski gemeistert. In nur sechs Stunden. Und das Rennen bei dem er vor 20 Jahren so fürchterlich stürzte, ist er zu Ende gefahren.

 

So läuft es.

Mike Kleiß ©2019 FOCUS.de

 

 

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